Funkkorrespondenz

Der reinste Horror
Gerhard Schick / Reinhard Wulf: Das Monster in uns. Stuart Gordon und Brian Yuzna über den Horrorfilm.

Es schien undenkbar, dass sich jemals im deutschen Fernsehen seriös mit dem Werk der beiden Amerikaner beschäftigt werden würde. Unter diesem Aspekt ist die einstündige Dokumentation, die sinnvollerweise zu nachtschlafender Zeit auf 3sat in der vom WDR produzierten Reihe "Kinomagazin" lief, getrost als kleine Sensation zu bezeichnen. Aufwühlende Spekulationen über den gesellschaftlichen Wert ihrer Produktionen, Anklagen und Verteidigungsreden über das Für und Wider von Zensur - überhaupt alles Emotionalisierende sucht man in dem Film von Gerhard Schick und Reinhard Wulf vergebens. Wie der simple Untertitel verspricht, geht es schlicht um das Werk und das Selbstverständnis der Macher.

Was ist Horror, wie wirkt er und wie wird er in ihren Spielfilmen motiviert? In ausführlichen Interviewpassagen erzählt beispielsweise der 53-jährige Yuzna, dass er Filme, in denen Menschen an Krankheiten sterben oder eine Frau vergewaltigt wird, verabscheut. "Aber", so Yuzna, "wenn ein Alien, ein Zombie oder ein Werwolf einen Menschen attackiert, ist es etwas anderes. Es macht die Gewalt künstlich und märchenhaft."

Stuart Gordon und sein Produzent Yuzna haben sich besonders die Bücher des amerikanischen Romanciers H.P. Lovecraft (1890-1937) als Spielwiese für ihre kruden Horrorfantasien ausgesucht. Filme we "Re-Animator" oder "From Beyond - Alien des Grauens" handelten in den 80er Jahren von grausigen Zwischendimensionen, aus denen uralte Monster aus fremden Galaxien auf die Menschen Einfluss nehmen und sie in wahnsinnige Zombies verwandeln. Die beiden Filmemacher reizt dabei das Spiel mit den Extremen. "Man muss über das hinausgehen, was die Zuschauer gewohnt sind, meint der 58-jährige Gordon. "Das Publikum weiß, wo die meisten Filme haltmachen, denn es hat bereits Hunderte gesehen. Wenn sich der Regisseur aber nicht an die Regeln hält, wird der Film interessant. Alles ist plötzlich möglich!"

An diese Maxime haben sich auch Schick und Wulf gehalten. Die beiden Autoren zeigen Ausschnitte aus den Werken Yuznas und Gordons, die eigentlich unzeigbar sind und überlassen deren Schöpfer in ruhigen, klaren Statements die Analyse. Der künstlerische Wert dieser Horrorfilme bleibt dabei weiterhin höchst umstritten. Den Autoren geht es in ihrer Dokumentation um eine Annäherung an ein bedeutendes kulturelles Phänomen. Ihre Aufarbeitung leistet einen wertvollen Beitrag zum Verstehen des Horrorfilms. Schade, dass es Filmgeschichte(n) in derart seriöser und fundierter Form im Fernsehen so selten gibt - auf 3sat im "Kinomagazin" zumindest sechsmal im Jahr.

JÖRG GERLE, FUNKKORRESPONDENZ 32, 2005