Das Projekt

Schon die Einfahrt von Gerda König und ihrem Tanzensemble DIN A 13 in die größte Stadt Südamerikas ist filmreif. Das Großraumtaxi schiebt sich durch die Häuserschluchten an kilometerlangen Favelas vorbei, und den Tänzerinnen und Tänzern bleibt der Mund offen stehen. Der Moloch Sao Paulo wird auch die Arbeit der kommenden zweieinhalb Monate beeinflussen.

Zweieinhalb Monate – in dieser vergleichsweise kurzen Zeit wird ein neues Ensemble entstehen und ein gemeinsames Tanzstück erarbeitet werden. Die Tänzerin und Choreographin Gerda König hat drei Mitglieder ihrer Kölner Gruppe mitgebracht, dazu sollen in einem Workshop fünf weitere brasilianische Tänzer ermittelt werden – Tänzer mit und ohne Behinderungen. Auch das permanente Ensemble von Gerda König ist mixed-abled.

Während des einwöchigen Workshops sind sowohl die deutschen als auch die brasilianischen Tänzerinnen und Tänzer so nervös, dass sie von der Kamera kaum eine Notiz nehmen. Für die Brasilianer geht es um sehr viel – zwei Monate bezahlter Arbeit in ihrem Beruf, Mitarbeit in einem renommierten Projekt und schließlich eine Reise nach Deutschland, während der im Frühjahr 2006 das entstandene Stück zur Aufführung kommen wird. Auch die Deutschen sind angespannt – wen werden sie finden, mit wem lässt sich in kurzer Zeit ein gutes Stück unter solch schwierigen und ungewöhnlichen Umständen erarbeiten? Für Gerda König steht fest: Neben tänzerischen Fähigkeiten müssen die Neuen die Bereitschaft zeigen, eigene Erfahrungen, Gefühle und Teile des persönlichen Lebens in die Arbeit mit einzubringen. „Ich mag keine leblosen Gestalten auf der Bühne haben – nur mit angelernter technischer Brillanz kommt man bei mir nicht weit“, sagt die Leiterin des Ensembles. Wer die Stücke von Gerda König kennt, weiß, dass auch sie nicht davor scheut, ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Sehnsüchte auf die Bühne zu bringen.

Obwohl die Spannung der Auswahl und des Ausgewähltwerdens während des Workshops immer unterschwellig vorhanden ist, ist er auch der Ort der ersten Begegnungen zwischen brasilianischen und deutschen Tänzerinnen und Tänzern. Und es dauert nicht lange, bis die gegenseitigen Vorstellungen voneinander zur Sprache kommen. Die zwanzigjährige Juliana erzählt:

„Ich dachte: oh Schreck! Eine deutsche Tanzgruppe kommt. Die werden furchtbar ernst sein, streng und vor allem auf die Uhrzeit achten. Später habe ich dann festgestellt, dass sie genauso lachen und Witze machen wie wir. Meine stereotypen Bilder von Deutschen wurden ziemlich durcheinander gebracht.“

Nach einer Woche gemeinsamer Arbeit mit Körpertraining und Improvisationsaufgaben wird es für Gerda König hart. Sie muss sich von 12 übrig gebliebenen Tänzern (am ersten Tag waren es über 60) für fünf entscheiden. Ganz ohne Tränen gelingt ihr das nicht, doch am Ende der langen Audition steht schließlich fest, mit wem sie in den kommenden neun Wochen das erste Stück des Projektes auf die Bühne bringen wird.

Die folgende Zeit ist von intensiver Probenarbeit bestimmt. Bei nur einem  freien Tag in der Woche bleibt kaum Zeit, sich zu erholen, kleine schmerzhafte Blessuren auszukurieren und sich ein Bild von der Stadt zu machen. Für die Brasilianer ist das Alltagsleben fast ausgesetzt, alle konzentrieren sich nur auf das gemeinsame Ziel. Neben technischen Übungen und Training stehen auch immer wieder Runden auf dem Plan, in denen es sich um die unterschiedlichen Lebenswelten dreht. Nun ist es an den Deutschen, ihre Vorstellungen von Brasilien zu überprüfen: Der Tänzer Mark Stuhlmann:

„Natürlich schwirren uns Samba, Karneval, Leichtigkeit und unkomplizierter Lebensstil durch den Kopf, wenn wir an Brasilien denken. Ich war doch sehr überrascht, als ich hörte, wie starr das brasilianische Gesellschaftssystem sein kann, wie konservativ doch viele Angehörige der älteren Generation denken und wie sehr ihre moralischen Vorstellungen vom Katholizismus beherrscht sind. Da lief mein Coming-Out in Deutschland aber unkomplizierter ab.“

Auch die in Brasilien stets präsente Gewalt ist ein Thema während der Proben. In einer Session berichtet der Tänzer Nilson Muniz von einem Erlebnis, das ihm nicht aus dem Kopf gehen will: Eine schwangere junge Frau hatte sich aus dem vierten Stock gestürzt und lag regungslos auf der Straße. Niemand kümmerte sich um sie. Stunden später kam ein Krankenwagen, betrachtete die Situation und fuhr unverrichteter Dinge wieder davon. Erst gegen Abend legte jemand eine Decke über die Frau. Diese Szene wird später Eingang in das Stück finden.

Oft beginnt ein Probentag mit einer Improvisationsaufgabe. Die Tänzerinnen und Tänzer sollen sich nicht nur mit ihren eigenen Körpern ganz bewusst und unter neuem Blickwinkel befassen, sondern auch mit denen der Anderen – den anderen Körpern. Von den acht Tänzern des neu entstandenen Ensembles sind vier körperbehindert. Welche Fähigkeiten hat Michel Fernandes, der im Rollstuhl sitzt, wo liegen die besonderen Qualitäten von Marcos Abranches, der eine starke Spastik hat? Wie fragil ist der Körper der kleinen Andrea Hoffmann, wo und wie kann man sie anfassen, und welche Bewegungen lassen sich gemeinsam machen? Wie funktioniert ein Rollsstuhl, wo ist er belastbar, wo kann er zerbrechen, und wie lässt er sich in eine tänzerische Phrase mit einbeziehen? Die Leiterin versucht, ihr Credo allen Tänzern zu vermitteln: Der Körper jenseits der Norm hat eine ganz eigene Bewegungsqualität, eine ganz eigene Ästhetik, mit der sich zeitgenössische Tanz bereichern lässt.

In den Stücken von Gerda König dreht es sich immer wieder auch um die Sexualität Behinderter, um ihre Wünsche, ihr Verlangen und die Enttäuschungen, die sie erleben. In den gemeinsamen Übungen werden langsam Hemmungen abgebaut und Schwellen überschritten. Die Tänzer sind neugierig aufeinander und offen für die Erfahrung des Anderen. Und doch: wenn Gerda König  in einer Improvisationsaufgabe verlangt, das persönliche Gefühl des Begehrens in eine Phrase zu übersetzen, kann es heikel werden.

Natürlich bleibt auch die große Krise nicht aus. Zwei Wochen vor der Premiere haben plötzlich alle das Gefühl, nichts funktioniere. „Ich bin so unzufrieden!“, jammert Gerda. Marc und Nilson, die inzwischen auch gemeinsam das Nachtleben von Sao Paulo durchstreifen, meinen, man müsse wieder ganz von vorne beginnen. Dazu bestätigen sich einige deutsche Vorurteile nun doch, z.B. wenn die brasilianischen Bühnenarbeiter kommen, wann sie wollen, nur nicht zur vereinbarten Uhrzeit.

Doch wenn sich schließlich am Tag der Premiere der Vorhang wieder senkt und achthundert enthusiastische Zuschauer begeistert applaudieren, wissen alle: es hat sich gelohnt. Das Stück wird ein großer Erfolg.