

MEINE ZUNGE HAFTET AM GAUM*
wenn ich deiner gedenke
Jerusalem
in Freude kam ich zu dir
ich stand im Licht
und um mich standen die Tore
immer gedenke ich deiner
dräng mich an das Vermauerte
wo ist dein Zauber?
du haftest am Gaum
bitter und hart
*“Gaum“ nach der Buber –Rosenzweig Bibel-Übersetzung
VOM WAISENWORT HER
wo die Unrast begann
von da muss ich Leben entwerfen
für Antwort einstehn
ZWISCHEN DEM JETZT UND DEM JETZT
unüberbrückbar
im Nu ist’s vorbei
nie wieder wie früher
nie wieder wie jetzt
an die Rädchen geklammert
synchronisiert
die Schließmundschnecke
kleine Klausilie
NEIGE DICH ZU DEINEN TOTEN
sie hören
sie schauen
sie leben dir zu
sprechen dir zu
kaum noch vernehmbar
weißt du noch?
DIE, DIE NUR HALBSPRICHT
spricht zuviel
verspricht sich
spricht weiter
spricht nie aus
zerspricht.
AUS – GE – IXT
im Reigen tändelnder Greise
Kalk rieselt.
DER „KÖNIGSWEG“ IST NICHT MEINER
ich bieg um die Ecke
die erträumte Heimat
hat bankrottiert
blieb ein kleines Zuhaus
ohne Garten und Blick
ich bieg um die Ecke
gehe dem nach
was nicht ruhn lässt.
ZWISCHEN DEM JETZT UND DEM JETZT - Gedichte - Rimbaud – Theodor Kramer Gesellschaft - 2007
Dem Tod entgegenleben.
Kurzfristig planen
von Moment zu Moment.
Angst? Ja, auch. Natürlich.
Aber mehr noch eine tiefe Neugier
und die große Hoffnung.
Des Versprechens wegen.
Aufgeschoben, nicht aufgehoben
Des Versprochenen wegen.
Clichés nach außen hin.
Abwarten... abwarten...
Deutsch ist mir eine nackte Sprache,
die mich blossstellt.
Feigenblätter
such ich umsonst,
sie wachsen in anderen Regionen.
Ihre Worte decken das Quälende nicht,
das herauswill,
aber trotzdem nur
volle Verschwiegenheit
gerne sich zum Vertrauten macht.
Frag mich nicht, was sich sagen will,
was ich verschweige.
Was wie ein Alb in den langen Nächten
Herz, Lunge und Leber bedrückt.
Oder wenn es schon sein muss, frag mich in einer Sprache,
die sich leicht gibt,
eine zumindest in der
auch das Lachen zu Hause ist!
Ich traf den großen Paracelsus im Traum,
der mich im Heilschlaf
vom Kränkeln des Alters zu befreien kam.
Ich bewirtete ihn mit einem Fischgericht,
auf der Verpackung hoch angepriesen,
das sich dann, ausgepackt, aber
als zwei dicke, weiße Stiefel erwies,
meine alten Gummistiefel waren’s,
die ich dann, noch dampfend,
dem Arzt vorsetzte.
Frag nicht wer schuld ist.
Sprich nicht
von Strafe, von Rache.
Denke
an Mittel und Wege,
an die Listen der Liebe.
Geh unbeirrt und beanspruche
keinen Gegenwert.
Nur so
wird es erträglich.
Das Leben
ist immer dem Tod abgerungen,
die Liebe dem Hass
und öfter noch
der platten Gleichgültigkeit.
Jetzt
wo schon die Eulen
in deinem Haar
nisten
und der Saft in den Stämmen
die Zweigspitzen
empfindlicher macht
gegen das Abschiednehmen –
glaub mir,
es war nicht die Rede
von Schuld.
Es ist nichts zu bezahlen.
Lieber Gott,
komm doch endlich und erlöse
die Welt von den Erlösern.
Und erlöse mich von mir selbst.
Und erlöse die Welt von mir.
Lieber Gott,
ich glaube, wir haben einander viel zu erzählen,
von Dingen die waren und nicht.
Eine ganz Ewigkeit von Dir und mir,
die Du großzügig verschenkt hast
den Menschen die nicht wissen
was mit der Stunde anzufangen.
Und dann bau eine Leiter in den Himmel, keinen Turm,
damit wir zu Dir steigen können.
Und schicke einen Raben auf den Ararat, nicht eine Taube,
für die neue Arche.
Und bau einen Atomreaktor für das Ende vom Anfang.
Wo Adam wieder beginnen soll, die Eva zu begehren,
die, mit dem Apfel.
Auch den Baum mit der Schlange vergiss nicht.
Sie gehören dazu als wichtiger Faktor der Geschichte.
Und mich sollst Du nicht vergessen,
den Versemacher, Dichter genannt.
Damit ich über Dich schreibe und dich lobe über den Klee
für die Geschichte mit dem Hiob.
Und den Teufel Mephisto vergiss bitte nicht,
der Böses will. Ist er doch die Kraft in diesem Weiterspiel.
Der Haarige mit dem dunklen Blick, dem’s um die Wette ging,
die er gewann. Und so vieles noch, dass es mir schwindlig wird
vor so viel Erinnerung und Vergessenheit.
Und den heiligen Jesus, den Sohn und Mann der heiligen Frau,
man weiß es nicht so genau. Und Judas. Das heilige Abendmahl.
Nun hab ich mich im eigenen Netz verwickelt
und weiß nicht, wie es weitergehen soll oder nicht.
Du weiß es doch besser als ich, der Unwissende.
Oder weißt Du es nicht?
Wenn dem so ist, erzähl ich’s wieder einmal noch,
Mit Gottes Hilfe natürlich.
In der Spiegelung blüht der giftige Oleander.
Bruder Abschalom umgeht sein eigenes Grab.
Der vielen Gräber weißzerstörte Steine blinken.
Eine Ziegenherde bahnt sich den Weg.
Eine Frau in schwarz steht unbewegt.
Es ist die späte Nachmittagsstunde, durch die man gehen muss,
bis zum Löwentor an der Höhlengruft vorbei, es ist.
Der große Unbekannte rötet schon leicht den Horizont,
westwärts winkt ihrem Herrn die Windmühle zu,
als wäre das Menschliche noch immer.
Oh diese Erlebnisse alter und mittelalter Begebenheit,
als wärest Du,
als käme ich aus einer Karpatenmulde, Karpatensteg, Kappelle, schindelüberdacht.
Ein langgezogener Blashornton verzitterte dort in Serpentinen.
Die Luft ist wie Blei und Wachs.
Ein Sandschiff segelt über die Hügel
im Wüstenwind.
Ich gehe schon, doch weiß ich nicht, wohin.
Vielleicht einfach gehen.
Es ist nicht mehr weit, wo der Tag die Nacht liebt.
Was nutzt es denn,
dass Du Deine Stimme erhebest
und schreiest ob Deines Schmerzes?
Du subatomarer Fleck
in dieser eisigen Wüste eines unendlichen Weltalls.
Dass Du Deine Hände ringest und mit den Knien schlotterst
ob Deiner Angst.
Du weniger als nichts in dieser gähnenden gefühlslosen Leere.
Dass Du mit den Zähnen knirschest und Deine Augen aufreissest
ob Deiner Not.
Du Zufallsmischung von Aminosäuren.
Herumkriechend auf diesem Felsen,
der da einen zweitrangigen Stern
in einer zweitrangigen Milchstraße umkreist.
Nicht nur, dass keiner Dich hören und sehen will.
Es ist auch keiner da,
Wir sind die Überschrittenen,
ohne Zeichen am Türpfosten
Vom blinden Engel Überschrittenen,
Unverdient und Bessren vorgezogen, ausgelesen
zum Überleben.
Wir sind die wahren hohlen Männer,
die Söhne von Vätern und Müttern
Die sie auslöschten wie lästige Kerzen auslöschten,
denen kein eigener Tod gegeben ward,
kein Grab und, Rainer, keine Grabschrift.
Wir sind die Entgleisten, aus eigener Bahn Geworfenen,
die nur aus Massenträgheit weiterrutschen.
Die Männer, die in vitro leben,
mit müden dorrenden Synapsen,
Vergangenheit mit Zukunft nicht verbindend.
Wir sind die lallenden Männer,
nicht mächtig mehr der alten eigenen Sprache
Und ohnmächtig bis heute in der neuen,
die wie in Übersetzung leben,
in einer manchmal bessren, meistens schlechtren.
Doch nie authentisch.
Nie in der eignen Haut, die lang schon abgefallen.
Der Schlangen Haut ist stets die ihrige,
Wo unsere nicht sitzt, so wie ein schlecht geschnittner Anzug,
Der sich verzieht bei jeglicher Bewegung.
Wer sagte denn „Death shall have no dominion“?
Der Würgeengel, den Bauch noch voll von gestern,
plant schon den nächsten, nein, den letzten Akt
auf breiterer, globaler Bühne. Diesmal wird keiner
überschritten.
Alles Fühlbare
ward schon gefühlt.
Alles Gefühlte
war schon gesagt,
Ward schon geschrieben.
Ich Armer,
Was bleibt mir denn noch
zu sagen, zu schreiben
was rückwandelbar wäre
in Fühlbares und noch nicht Gefühltes.
In der Runde sitzen wir
Ein Stuhl steht leer.
Unsere Hände berühren sich
Wir zögern, unsere Lieder zu lesen,
Die Seelen aufzudecken.
Dein Name schwebt zwischen uns.
Ein Blick zur Tür
wir wollen schuldlos bleiben
und häufen
wie der Maulwurf den Sand
Schuld auf Schuld
blick nicht himmelwärts
du allein hast
das Wort
hier und jetzt.
An jenem Tag im August
An dem du nicht geboren
Zerschnitten Sirenen die trübkühle Luft.
Ihr Echo schlug von den Mauern in die stillen Gärten zurück.
Fromme Männer sammelten die Überreste ihrer Brüder ein.
Schakale drängten sich an die Menschen.
Dunkel heilt
traumnachtschwarz
keilt sich
zwischen
dich und da.
Morgen
sind Nächte
länger denn je
und
leer
Sie
drängen sich
zwischen
Gewesenes
Schneiden Wege
ockerschwer verweht
Worte
häufen sich
zu Wänden
fallen staubig
dem
Randstein entlang
abgasvernabelt
Unter
dem Strassennetz
packt
es mich
pulst
reisst mich auf
Thalitakumi
schweigt
verwundet
Kein Schnee
kein
Biegen von
Eisästen
Fliegen
täuschen
über Morgenkälte
hinweg
stehen
sonnenflach
im Aufwind
Atemlos
harrst Du
im
Windwinkel
nachtverkettet
Ich möchte meine Feindin
in einer Filzdecke ersticken,
durch dicke dichte Schichten
gefärbter Wolle
ihre Todeskrämpfe spüren,
den zarten Menschengeist
mit Mörderhänden brechen,
im Schatten der ergrauten Haut
meine verbrannten Sinne kühlen.
Und wortentleertes Stöhnen
wird Wiegenlied für meine
Schneenachtaugen