Presse

Deutsche Film- und Medienbewertung Wiesbaden

Aus der Urteilsbegründung anlässlich der Verleihung des Prädikats "Wertvoll":

Sprechen und Denken sind eng miteinander verbunden, doch was, wenn die Mörder sich der Sprache bemächtigen? Diese Dokumentation geht dem äußerst spannenden, aber beinahe vergessenen Thema der deutschen Sprache in Jerusalem nach. Anhand einer deutschen Dichtergruppe, bestehend zum Großteil aus jüdischen Flüchtlingen der NS-Zeit, wird die Bedeutung und die Lust an den Wörtern in Gedichten, Interviews und Gesprächen greifbar gemacht. Als besonderes Verdienst schafft es der Film, auch einen Blick auf den tabuisierten Umgang mit der deutschen Sprache im heutigen Israel zu werfen, die junge Generation zu Wort kommen zu lassen, die das sprachliche Erbe ihrer Großeltern nur mit gemischten Gefühlen teilen kann. Ebenso poetisch wie anregend.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Es gibt Filme, die schneiden mit sanfter Gewalt unerbittlich ins Herz. Zu ihnen gehört Gerhard Schicks Dokumentarfilm über die deutsche Sprache in Jerusalem. Das emotionale Zentrum des Films ist eine Gruppe intensiv artikulierter deutscher Juden, die sich einmal im Monat im Jerusalemer Vorort Beit Hakerem zum Austausch ihrer Gedichte trifft. Nur weniger von ihnen sind jünger als 85 Jahre, und alle haben die Deutschen als Verfolger erfahren. In wunderbar melodiösem Deutsch sag die 1921 in Wien geborene Malerin und Lyrikerin Eva Avi-Jonah: "Ich bin gar nicht der Ansicht, dass die Sprache der Sprache der Mörder ist, wie in Israel oft gesagt wird. Die Mörder haben sich der Sprache bemächtigt, das ist eine andere Sache. Was geht mich das an? Die Sprache behält eine gewisse Unschuld."

Dann sehen wir, wie in ihrem Wohnzimmer sich der Lyris-Kreis versammelt. Das Vorlesen beginnt. Erdbeeren stehen auf dem Tisch und Kekse und rosa Plastikbecher, und Zeilen über Veränglichkeit und Tod, über Sprache, Hoffnung, und Verschwiegenheit kommen zur Sprache wie Musik. Jedes Gedicht wird gelassen kritisiert und kommentiert. Überhaupt zeichnet Gelassenheit diese Menschen aus, obgleich Erinnerungen in den Gedichten für Unruhe sorgen. In kurzen Portraits der Teilnehmer, mit deren Hilfe Schick die Lyriksitzung elegant zergliedert, werden durch die Erinnerungen präzise historische Erfahrungen sichtbar gemacht. 

SUSANNE KLINGENSTEIN