Synopsis

   

Foto: DER KLANG DER WORTE, Foto: DER KLANG DER WORTE

„Ich bin gar nicht der Meinung, dass Deutsch die Sprache der Mörder ist. Die Mörder haben sich der Sprache bemächtigt, das ist eine andere Sache. Warum soll ich mir die Sprache wegnehmen lassen? Sie ist meine Muttersprache.“

Aus dem Mund von Eva Avi-Jonah klingen diese Sätze selbstbewusst, beinahe herausfordernd. Dabei hätte die 86-jährige gebürtige Wienerin ausreichend Gründe, mit Deutschland, den Deutschen und der deutschen Sprache nichts mehr zu tun haben zu wollen. Sie kam im Alter von 15 Jahren nach Palästina, ihre Eltern waren Zionisten. Seitdem lebt sie in Israel, hat das Land mit aufgebaut, dort gearbeitet, geheiratet, einen Sohn geboren und großgezogen. Doch, wie um der Geschichte zu trotzen, spricht sie bis heute deutsch, und mehr noch: Sie schreibt deutsche Gedichte. Sie pflegt diese Sprache, die eben nicht nur die Sprache der Mörder, sondern auch ihre Muttersprache ist, mit Achtsamkeit, Leidenschaft und überraschendem Humor.

Und Eva Avi-Jonah ist nicht die einzige. Einmal im Monat trifft sich in ihrem Haus ein Kreis deutschsprachiger Literaten: Die Gruppe LYRIS. Nur wenige der Teilnehmer sind jünger als 85 Jahre alt. Als der Staat Israel vor 60 Jahren gegründet wurde, waren sie in ihren Zwanzigern und nur durch Glück oder Zufall dem Tod entronnen. Sie hatten ihre Familien und Freunde verloren, die Orte der Kindheit, die Heimat, zurückgelassen. Ihre deutsche Muttersprache jedoch nahmen sie mit, denn, wie Schalom Ben Chorin sagt, aus einem Land kann man auswandern, aus einer Sprache nicht. Wenn sie heute auch teilweise ihren Platz in der israelischen Literaturszene gefunden haben – Manfred Winkler etwa ist Mitglied des hebräischen Schriftstellerverbandes –, so halten sie in ihren Gedichten dennoch am Deutschen fest. Nach dem Verzehr selbstgebackener Torte österreichischen Rezepts wird reihum gelesen, jeder stellt seine neuesten Gedichte vor. Selten wird der Vortrag nur von einem stummen Nicken oder einem Stirnrunzeln begleitet – meist entstehen lebhafte Diskussionen, in denen sich Anmerkungen, Lob und engagierte Kritik abwechseln.

Die Gedichte handeln vom Alter, vom Tod, von immer noch offenen Wunden und zeugen doch von einer verblüffenden Lebenskraft, ja einer grimmigen Freude am Leben. Und oft machen sie die Sprache selbst zu ihrem Gegenstand. Es schwingen die Jahrzehnte der Auseinandersetzung mit der hebräischsprachigen Umgebung mit, während derer das Deutsche in Israel eine gänzlich tabuisierte Sprache war und auch die aus Deutschland Vertriebenen nicht offen für ihre Sprache streiten wollten – zu groß war der innere Konflikt. Auf dem hebräischsprachigen Gymnasium, das die junge Eva Avi-Jonah besuchte, verstand sie im Unterricht anfangs kein Wort. Unter der Bank las sie heimlich Kant und Schopenhauer. Ihrem Sohn brachte sie zunächst die deutsche Sprache bei, da sie ihr Hebräisch als noch zu arm empfand. Als dieser Sohn jedoch in den Kindergarten kam und dort deutsch sprach, löste das große Empörung aus. Heute spricht ihr Sohn sechs Sprachen. Deutsch ist nicht dabei.

„Ich steh am Ort, wo Silben sich treffen,“ beginnt ein Gedicht von Ilana Shmueli, einem weiteren Mitglied der Gruppe LYRIS. Ilana Shmueli stammt aus Czernowitz in der Bukowina, das in wenigen Jahren ständig wechselnde Besatzer über sich ergehen lassen musste. Mit den Deutschen, Ukrainern und Rumänen kamen auch deren Sprachen. Als Tochter aus großbürgerlichem Haus, in dem man Wert auf Weltgewandtheit legte, hatte Ilana neben Deutsch auch Französisch, Russisch, Rumänisch, Ukrainisch und Hebräisch zu lernen. Bis heute fühlt sie sich in keiner der Sprachen wirklich zu Hause, um so schärfer ist ihr Blick für deren jeweilige Eigenarten. Unter rumänischer Herrschaft kam sie ins Ghetto und begegnete dort einer Gruppe junger Lyriker, unter ihnen Paul Celan und Rose Ausländer. Dieser Kreis beschäftigte sich intensiv mit der deutschen Sprache und Literatur, Rose Ausländer und Paul Celan lasen ihre Gedichte vor. Während deutsche Truppen in ganz Europa die Juden ermordeten, eignete sich Ilana Shmueli systematisch die deutsche Literatur an. Später in Israel lebte sie sich in die hebräische Sprache ein und übersetzte Gedichte von Celan, mit dem sie bis zu seinem Tod eine innige Freundschaft verband, ins Hebräische. Mit ihrem Mann jedoch sprach sie weiterhin deutsch. „Jetzt fragen Sie mich warum, und ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben. Das deutsche Volk, das Deutsche an sich hassen, das kann ich nicht. Ich kann diese Dinge überhaupt nur differenziert erleben. Allerdings empfinde ich das nicht als Tugend. Ich frage mich oft, warum ich nicht böser sein kann.“

Mit ihrer Tochter, die in Israel geboren wurde und möglichst unbelastet aufwachsen sollte, wollte Ilana Shmueli kein Deutsch sprechen, doch dies besorgte Omi, ihre Mutter. Omi lag sehr viel daran, dass ihre Enkelin das Deutsche gut beherrschte, denn mit der hebräischen Sprache konnte sie sich nie richtig anfreunden. Die Tochter der Tochter wiederum, Ilanas Enkelin Moran, ist die Erste in der Familie, die Deutsch weder spricht noch versteht. Ihr sind nur vage Erinnerungen an den Klang der Sprache aus ihrer Kindheit geblieben. Sie empfand das Deutsche wie eine Geheimsprache, im Flüsterton gesprochen, sanft und melodiös. Als Moran zum ersten Mal Filme in deutscher Sprache sah, waren es Dokumentationen über den Holocaust. Es wurde befohlen, geschrien, und Moran erkannte zunächst gar keine Ähnlichkeit zwischen dieser Sprache und der Sprache ihrer Großmutter.

In den meisten israelischen Familien vollzog sich spätestens mit dieser dritten Generation der sprachliche Umbruch. Viele Enkel der alten Jeckes sprechen kaum noch deutsch und haben den Bezug zu der Sprache weitgehend verloren. Doch seit einiger Zeit ist ein erstaunliches Wiederaufleben der Beschäftigung mit dem Deutschen zu bemerken: Die Sprachkurse des Goethe-Instituts sind gut gefüllt – mit jungen Israelis wie Efrat Golan. Die Studentin musste zwar die Erfahrung machen, dass  nicht alle ihrer Freunde ihre Entscheidung, Deutsch zu lernen, gutheißen konnten. Sie berichtet, dass gerade israelische Jugendliche Deutsch nicht gut ertragen können und es als unangenehme Sprache empfinden, denn die ersten Worte, die sie hören und die lange nachklingen, sind oft haltschnell und Arbeit macht frei

Im Mittelpunkt des Films stehen die Zusammenkünfte der Gruppe LYRIS. Deren Mitglieder und ihre aktuellen literarischen Auseinandersetzungen werden beobachtend begleitet, ihre facettenreichen Herkunftsgeschichten in dichten Interviews erzählt. So entsteht eines der letzten Bilder deutschsprachiger Exilanten in Israel, einer Generation, die schon bald nicht mehr sein wird. Die Darstellung der alten Generation und ihrer lyrischen Arbeiten wird verwoben mit den Ansichten der Jungen, die ihr erwachendes Interesse an der deutschen Sprache schildern. Intensiv und schmerzhaft gelebte Erfahrung trifft auf nicht ganz unbefangene Neugierde, und es öffnet sich ein Resonanzraum über die Generationen hinweg – seine Sprache ist deutsch.