Kontext

Was unterscheidet den DJ oder die DJane eigentlich von einer Jukebox? Beide spielen für Geld anderen Menschen Musik vor – doch bei näherem Hinsehen wird klar, dass der Beruf oder die Tätigkeit von Disk Jockeys oft mit einem ausgefeilten Konzept, einer klaren Haltung und einer Philosophie verbunden ist. Einer der bekanntesten deutschen DJs, Hans Nieswandt, vergleicht in seinem Buch „Plus Minus acht. DJ Tage DJ Nächte“ den DJ mit Priestern, Schamanen und Medizinmännern, aber auch mit Piloten, Kapitänen und Lokführern. „Alle Branchen passen, in denen einer vorn im Cockpit sitzt, mit all den Knöpfen und Reglern, von denen nur er weiß, wie sie funktionieren, während alle anderen den Trip genießen. DJs (...) übernehmen die Verantwortung für die lange Reise und bringen ihre Anvertrauten mit traumwandlerischer Sicherheit ins Ziel oder auch nicht.“

DJ Ipek aus Berlin ergänzt, dass auch Einfühlungsvermögen und das Erspüren von Emotionen im Publikum eine wichtige Rolle spielen. Dennoch verfolgt Ipek, die mit dem von ihr mit dem abenteuerlichen Begriff definierten „Eklektik Arabesk-konFUSION OrAsia“-Stil überregionale Bekanntheit erlangte, beim Auflegen ein wohl durchdachtes Konzept. Innerhalb von kurzer Zeit spielt sie eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Musikrichtungen und erzeugt beim Tanzpublikum so ein Wechselbad der Gefühle. Gerade die Mischung aus traditioneller türkischer, kurdischer, arabischer oder indischer Musik mit Techno, House und Pop ist das Markenzeichen von DJ Ipek geworden.

Über die Anzahl der DJs, die in Deutschland auflegen, gibt es keine verlässlichen Zahlen, doch die Szene ist riesig, lebhaft, stets in Bewegung und reicht vom hauptberuflichen Techno-DJ, der auf Großveranstaltungen vor tausenden von Menschen auftritt, bis zum Hobby-DJ, der auf Hochzeiten die Gäste zum Tanzen animiert. Viele DJs sind gleichzeitig ihre eigenen Musikproduzenten. Da das Herstellen elektronischer Musik äußerst günstig geworden ist –oft reicht ein schnelles Laptop- hat sich eine enorme stilistische Vielfalt etablieren können. Die Anzahl der zertifizierten Meister im Scratchen dagegen ist überschaubar – die Kölner Formation „Noisy Stylus“ gehört dazu. Die Scratchband war bereits mehrfach deutscher Meister der Verbände DMC und ITF (2001 - 2004), im Jahr 2004 wurden sie außerdem ITF Europa-Meister und Vize-Weltmeister. Bei dieser Spielart des DJ-Daseins fungiert der Plattenspieler als Musikinstrument. Wie bei einer herkömmlichen Band werden Stücke eingeübt, geprobt und gemeinsam aufgeführt, mit dem Unterschied, dass jeder Musiker als Arbeitsgerät einen Plattenspieler vor und eine große Auswahl an Schallplatten hinter sich stehen hat. Durch das Hin- und Herbewegen der Platten auf dem Teller lässt sie die Tonhöhe beliebig variieren, mit dem Einsatz des Crossfaders, der über das Abhören von linker oder rechter Platte entscheidet, der Rhythmus des Stücks bestimmen. Auf diese Weise entsteht der ganz eigene Klang von Scratchmusik.

Den Turntable als Musikinstrument benutzt auch DJ Illvibe, der Sohn des Jazzpianisten Alexander von Schlippenbach. Dass er seine musikalische Heimat nicht verleugnet lässt sich daran erkennen, dass er mit der Jazz- und Funkband „Lychee Lassi“ auf der Bühne steht. Der Plattenspieler und die speziellen DJ-Sounds sind dabei integraler Bestandteil des musikalischern Konzepts. DJ Illvibe ist nicht einfach ein Gast oder Gimmick, zu dessen Houseplatten die Jazzer improvisieren, sondern gleichberechtigter Musiker, der im Zusammenspiel mit seinen Bandkollegen aufgeht.

Dass elektronische Musik aus Deutschland bereits eine lange Tradition hat, die bis heute Einfluss auf die aktuellen Produktionen ausübt, lässt sich sehr gut am Beispiel der gemeinsamen Auftritte der Elektropopband „Dyko“ und Wolfgang Flür erkennen. Flür war Trommler der Band „Kraftwerk“, deren strenge und avancierte Elektrokompositionen in den 70er und 80er Jahren einen enormen Einfluss ausübten. Auch amerikanische Techno-Pioniere bezogen sich auf Kraftwerk, so dass auf diesem Umweg die weiterentwickelte Musik wieder auf Tanzflächen in Deutschland gelangte – und unter anderem von Wolfgang Flür selbst aufgelegt wird. Vor seinen Auftritten als DJ trommelt er im Konzert für „Dyko“, deren Sänger John Barrie Dyke sich ebenfalls bewusst am Kraftwerk-Sound orientiert, ihn weiterentwickelt und aktualisiert.