Die Briefe der Geschwister Mendelssohn

„Ich habe nachgedacht“, schreibt Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, am 17. Februar 1835 an ihren Bruder Felix, „wie ich eigentlich gar nicht excentrische oder hypersentimentale Person zu der weichlichen Schreibart [Kompositionsweise] komme? Ich glaube, es kommt daher, daß wir gerade mit Beethovens letzter Zeit jung waren, u. dessen Art und Weise, wie billig, sehr in uns aufgenommen haben, u. die ist doch gar zu rührend u. eindringlich. Du hast das durchgelebt und durchgeschrieben, u. ich bin drin stecken geblieben [...].“

Zum Zeitpunkt dieses Briefes ist der erst 26-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf und wird in Kürze als Gewandhauskapellmeister nach Leipzig wechseln; hinter ihm liegen bereits Aufenthalte in Paris, London und Rom. Er ist ein international gefeierter Komponist. Seine 4 Jahre ältere Schwester Fanny befindet sich in Berlin, wo die Familie Mendelssohn seit 1811 lebt. Sie wird die Stadt bis zu ihrem Tod mit Ausnahme einer längeren Italienreise nie verlassen.

Die beiden Geschwister verbindet seit ihrer Kindheit neben einer tiefen gegenseitigen Zuneigung ihr außergewöhnliches musikalisches Talent. Beide erhalten Kompositions- und Tonsatzunterricht bei Carl Friedrich Zelter, dies jedoch trotz vergleichbarer Begabung mit sehr unterschiedlichem Ziel: „Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Thuns werden kann und soll“, weist der Vater Abraham Mendelssohn die ambitionierte Fanny, der Zelter attestiert, sie spiele Klavier „wie ein Mann“, frühzeitig in ihre Schranken. Während Felix bereits im Alter von 9 Jahren erstmals öffentlich auftritt, mit 12 Jahren erste Vorstellungsreisen unternimmt und vom Vater in seiner weiteren musikalischen Laufbahn ehrgeizig unterstützt wird, soll Fannys Wirkungskreis die häuslichen Grenzen möglichst nicht überschreiten: Nur ein einziges Mal in ihrem Leben tritt sie als Pianistin öffentlich auf, ihre Kompositionen bleiben aufgrund des Widerstands der Familie lange Zeit unpubliziert. Solcherart eingeschränkt, wird sie zur wichtigsten Rezipientin der Werke ihres berühmten Bruders. Von zuhause aus verfolgt sie seine Reisen und Erfolge mit größter Aufmerksamkeit und Anteilnahme; sie schreibt für ihn Stimmen ab, organisiert ihm musikalisches Personal, kommentiert, kritisiert und redigiert seine Kompositionen, lobt ihn und feuert ihn an.

Seit der jungendliche Felix zu seinen ersten Reisen aufbricht bis zu Fannys Tod im Jahr 1846 schickt sie an nahezu jedem „Posttag“ einen Brief an ihn ab, und Felix antwortet mit ähnlich hoher Frequenz. „Es geht uns diesmal wunderlich mit unserer Correspondenz, liebster Felix“, beschreibt etwa Fanny am 7. März 1840 den regen Verkehr, „kaum war mein Brief an Dich neulich fortgeschickt, als ich Deinen lieben Brief vom 21sten Febr. erhielt. Damit wir nun endlich einmal in Ordnung kommen, bürde ich Dir sogleich wieder dies Zettelchen auf, zu lesen u. zu bezahlen, und werde dann die Antwort auf diese beiden erwarten, und meinerseits gleich wieder antworten [...].“ Neben Texten und Zeichnungen werden vor allem Noten hin- und hergesandt; die meisten ihrer Kompositionen werden von den beiden auf diese Weise geteilt. Immer wieder stellen sie dabei überrascht fest, wie verwandt ihre Arbeiten sind: „[G]estern habe ich Dein Praeludium no. 6 aus b dur zu meiner Fuge aus b dur erhalten, denn es ist wirklich dasselbe tale quale, und mich an dem netten Zusammentreffen ergötzt“, schreibt Felix am 24. Juni 1837. „Ist es nicht seltsam, dass zuweilen musikalische Ideen in der Luft herumzufliegen scheinen u. sich da u. dort niederlassen?“

In dem Briefwechsel bildet sich die gesamte musikalische und persönliche Entwicklung der Geschwister ab, die sich trotz ihrer unterschiedlichen Positionen und der daraus erwachsenden Konflikte aufs Intensivste bemühen, den jeweils anderen zu verstehen und sich umgekehrt ihm verständlich zu machen. Über die großen räumlichen Entfernungen hinweg kommunizieren sie in geschwisterlicher Intimität, und oft wird das Verhältnis von Nähe und Distanz auch zum Gegenstand ihrer Briefe: „In weite Ferne will ich schweifen, u. weiß nicht, wo Du weilst“, schreibt Fanny am 29. Juli 1829, „es ist einem so nüchtern, wenn man nicht weiß, wohin man zu denken hat. Aber immer besser, als wenn man nicht wüßte, an wen.“ Und Felix klagt am 11. Oktober 1838: „Das ist so schlimm, beim Entferntleben, daß nicht allein man einander entbehren muß, sondern daß auch die Umgebungen mit all ihrem Thun und Treiben so nach u. nach einwirken, ohne daß man es merkt u. will, u. daß die in jedem andern Orte wieder anders sind und andershin wirken.“ Sie sehnen sich nach modernen Verkehrsmitteln, die ihre Post beschleunigen und auch kurzfristige gegenseitige Besuche ermöglichen könnten, und verfolgen mit Interesse die Entwicklung der Eisenbahn. „Oh Hypercivilisation, wann wirst Du uns erreichen?“ seufzt Fanny in einem Brief vom 25. Januar 1834.

Am 9. Juli 1846 teilt Fanny ihrem Bruder mit, sie habe sich gegen den Rat der Familie und auch entgegen seiner Empfehlung dazu entschieden, nun doch einige ihrer Kompositionen zu veröffentlichen: „[I]ch habe mit 40 Jahren eine Furcht vor meinen Brüdern, wie ich sie mit 14 vor meinem Vater gehabt habe, oder vielmehr Furcht ist nicht das richtige Wort, sondern der Wunsch, Euch [...] es in meinem ganzen Leben recht zu machen, u. wenn ich nun vorher weiß, daß es nicht der Fall sein wird, so fühle ich mich rather unbehaglich dabei. Mit einem Wort, ich fange an herauszugeben [...] und so hoffe ich, wirst Du es mir nicht übel nehmen.“ Damit wagt sie erstmals einen Schritt aus seinem Schatten, hinaus in das Rampenlicht, in dem Felix seit Jahren steht. Seine Reaktion auf diese Nachricht fällt verhalten aus, der Ton der Briefe kühlt sich merklich ab. Das Gleichgewicht in der Beziehung scheint spürbar gestört.

Ein halbes Jahr später stirbt Fanny an den Folgen eines Schlaganfalles. Felix bricht körperlich und seelisch zusammen. Er überlebt Fanny nur um wenige Monate: Mit gerade 38 Jahren erliegt auch er einem Schlaganfall.  „Ich sterbe wie Fanny“, soll eine seiner letzten Äußerungen gewesen sein.

 

Quelle der zitierten Briefe:

Fanny und Felix Mendelssohn, „Die Musik will gar nicht rutschen ohne Dich“: Briefwechsel 1821 bis 1846, hg. von Eva Weissweiler, Berlin: Propyläen 1997.