Interview mit Miriam Jakobs und Gerhard Schick

   

Foto: RAUS AUS DEM ZAUBERWALD, Foto: RAUS AUS DEM ZAUBERWALD

Das Interview wurde im Kontext eines Seminars von Dipl.-Psych. Dagmar Kiesel M.A. am Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der  Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln geführt. Die Fragen stellte Natalie Lehnen.

Wie kamen Sie darauf, diesen Film zu machen?

Ein Lehrer der Paul-Kraemer-Schule hatte von unserer Ferienakademie Film, einem Hochbegabtenprojekt, erfahren und trat mit der Frage an uns heran, ob wir uns vorstellen könnten, auch mit seinen Schülerinnen und Schülern zu arbeiten und ein filmisches Portrait seiner aktuellen Abschlussklasse zu gestalten. Da wir keinerlei sonderpädagogische Erfahrung hatten, haben wir zunächst gezögert, dann aber zugesagt, weil die Neugier auf die Jugendlichen als kreative Partner unsere Befürchtung, für die Arbeit mit ihnen nicht hinreichend qualifiziert zu sein, klar überwog. Die eigentliche Entwicklung des Films erfolgte in enger Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern, so dass die Frage "Wie kamen Sie darauf?" vor allem auch an die Schule zu richten wäre.

Welche Intention hatten/haben Sie?

Uns interessierte in der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern besonders das "Anderssein", das von unserer Gesellschaft im Namen "politischer Korrektheit" heutzutage zunehmend geleugnet wird, das die Jugendlichen aber selbst wahrnehmen und zudem ausgesprochen differenziert artikulieren. In ihren Gesprächen - sowohl mit uns als auch untereinander - bildete das Gefühl, "anders" zu sein, ein immer wiederkehrendes Thema. Die Schülerinnen und Schüler schilderten ihre Empfindungen dabei sehr ambivalent: Neben dem Wunsch, ihr "Anderssein" abzulegen und zu sein wie alle anderen, stand mindestens ebenso stark das erklärte Bedürfnis, "anders" sein und bleiben zu dürfen. Von dieser Ambivalenz wollten sie erzählen, und diese Ambivalenz wollten wir zeigen - die Schönheit des "Andersseins" und den damit verbundenen Schmerz.

Welchen Bezug haben Sie zu Menschen mit Beeinträchtigungen?

Als Filmemacher haben wir schon von Berufs wegen ein leidenschaftliches Interesse an der Formenvielfalt der Realität. Abweichungen von der gesellschaftlich fixierten Norm, seien sie körperlicher, geistiger oder seelischer Art, haben immer auch ein hohes ästhetisches Potenzial. Indem sie Alternativen zur konventionellen Wahrnehmung bieten, öffnen sie den Blick nach außen und innen und zwingen zur Überprüfung scheinbar naturgegebener Ordnungssysteme. Vor dem Projekt mit den Schülerinnen und Schülern der Paul-Kraemer-Schule realisierte Gerhard Schick u.a. zwei Dokumentarfilme über die Tanzcompagnie DIN A 13, deren Choreographin Gerda König an fortgeschrittener Muskelatrophie leidet und in ihren Produktionen Tänzerinnen und Tänzer "mit und ohne körperliche Besonderheiten" zusammenführt.

Wie war die Arbeit mit Menschen mit einer Lernbeeinträchtigung?

In der Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern der Paul-Kraemer-Schule fielen uns erstaunliche Parallelen zu den hochbegabten Jugendlichen auf, mit denen wir vorher gearbeitet hatten: Die abrupte und kühne Kreativität, das stets überraschende, nie vorhersehbare Verhalten, die Fähigkeit, sich einer Sache mit allen Sinnen hinzugeben, die als prägend erlebte Außenseitererfahrung. Zum Glück waren sie nachsichtig mit uns und ließen uns Zeit, uns an ihr Tempo, ihre Intensität und ihren Witz zu gewöhnen. Wir haben viel von ihnen gelernt.

Wie verlief die Produktion?

Uns war wichtig, den Film nicht nur ÜBER die Jugendlichen zu machen, sondern vor allem MIT ihnen. Sie sollten nicht allein Gegenstand, sondern auch Urheber des Filmes sein. Ein erster Besuch in der Klasse gab uns einen Eindruck von ihnen als Gruppe, bei einem zweiten Besuch lernten wir sie nacheinander einzeln kennen. Wir baten sie, uns von sich zu erzählen, und während wir ihren Geschichten lauschten, formten sich erste Bilder:

Es waren Bilder von ungewöhnlichen, schönen Wesen, die in einer eigenen Welt leben, diese jedoch verlassen wollen (oder verlassen müssen), um sich unter die Menschen zu mischen. Wesen von besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ihnen außerhalb ihrer Welt aber nicht zu helfen scheinen. Shakespeares SOMMERNACHTSTRAUM blitzte auf mit seinem Kosmos von Wunderwesen. Wir erinnerten uns an Andersens KLEINE MEERJUNGFRAU, die den Ozean verlässt und ihre magische Stimme gegen ein paar menschliche Beine eintauscht, um in der Nähe ihres Prinzen sein zu können: Jeder Schritt außerhalb des Wassers bereitet ihr Schmerzen, dennoch möchte sie nicht zurück. Wir schauten gemeinsam mit den Jugendlichen Szenen aus DER HERR DER RINGE an. Aus ihren persönlichen Erzählungen in Verbindung mit diesen Assoziationen entstand das zentrale Motiv des Films: das Verlassen des Zauberwalds.

Nach dieser ersten Idee arbeiteten die Schülerinnen und Schüler dann gemeinsam mit ihren Lehrkräften lange und intensiv an ihren Rollen und Kostümen. Sie entschieden selbst, wer sie sein und wie sie aussehen wollten. Hier nahmen wir keinerlei Einfluss, sondern wir ließen uns überraschen, als wir zu den eigentlichen Dreharbeiten in die Klasse zurückkehrten: Die Jugendlichen legten ihre Kostüme an und traten nacheinander vor einen Spiegel, und dort sahen wir sie das erste Mal in ihren selbstgewählten Identitäten. Wir baten den Jungen, der sich die Rolle des Königs gewünscht hatte, uns sein Volk vorzustellen, und diese Präsentation, die er aus dem Stegreif entwickelte, wurde zur späteren Voice-Over des Films.

Die zwei Drehtage im Wald waren für alle Beteiligten ein Abenteuer: Die Elfen schwärmten aus und lebten ihr wildes Elfenleben, während wir sie dabei mit der Kamera beobachteten. Den Wald zu verlassen, fiel einigen von ihnen dann tatsächlich schwer; die Stimmung der Filmszene zwischen Melancholie und Aufbruch entspricht der Atmosphäre beim Dreh.

An drei Folgetagen drehten wir dann die dokumentarischen Passagen - bis dahin hatten wir die Jugendlichen so gut kennengelernt, dass wir einschätzen konnten, wem unsere Begleitung mit der Kamera zumutbar war. Wir vereinbarten mit ihnen, einen "realen Traum" zu drehen - etwas, dass sie sich für ihr Leben nach der Schule wünschen, von dem sie jedoch nicht sicher sind, ob es eintreten oder gelingen würde. Dabei ging es um Themen, die im vorangegangenen Schuljahr in der Klasse behandelt worden waren: Mobilität, Wohnen, Arbeit, Liebe, Freizeitgestaltung. Die stellvertretend für die Klasse ausgewählten Schülerinnen und Schüler nahmen uns mit in ihre persönliche Welt und Lebensplanung, und wir begleiteten sie dabei, wie sie erste Schritte unternahmen, ihre Träume in die Tat umzusetzen.

In der anschließenden Postproduktion war die Zusammenarbeit mit unserem Filmkomponisten, Patrick M. Schmitz, von besonderer Bedeutung: Er entwickelte für den Film zwei "Klangwelten" - die Musik des Zauberwalds und die Musik der modernen, urbanen Menschenwelt - die sich stellenweise ineinander verschieben. Diese Musik haben die Schülerinnen und Schüler zum ersten Mal bei der Premiere des Films gehört, und es war ein großes Vergnügen zu beobachten, wie intensiv sie jede Szene wahrnahmen und miterlebten. Sie bestaunten sich selbst. Und wir bestaunten sie.